Krems und die Vermessung der Welt


Ein Gespräch mit Hans-Peter Wipplinger, Direktor der Kunsthalle Krems.

Das Ende der Dominik Steiger-Ausstellung nehme ich zum Anlass für den Beginn einer neuen Serie: Gespräche mit Persönlichkeiten, die Krems prägen. 

Den Anfang macht Hans-Peter Wipplinger. Er ist seit 2009 Direktor der Kunsthalle Krems. Ein Gespräch über Kunst in globalen Zeiten. Gutes Essen im Kremstal. Und nichts weniger als die Vermessung der Welt.

Was heißt es, eine Kunsthalle in einer Stadt wie Krems zu leiten?

HPW: Wenn wir heute in Krems etwas machen, kann das durch die neuen Medien theoretisch die ganze Welt erfahren, wenngleich das Erlebnis vor dem Original zu stehen, eine ganz besondere Qualität hat. Die Vermittlung der Inhalte passiert aber nicht mehr nur für den realen Besucher vor Ort. Sondern auch für die Menschen, die Inhalte im Internet konsumieren. Deshalb gibt es die Vorstellung einer „Provinz“ nicht mehr. In globalen Zeiten ist nicht wichtig, wo man agiert, sondern wie. Es zählt der Diskurs, den man anstößt – egal, ob er von Krems, Wien oder Paris ausgeht.

Welche Diskurse wollen Sie anstoßen?

HPW: Mich beschäftigen philosophische Fragen – welche Rolle Kunst in der Welt von heute spielen kann. Kunst hat für mich etwa gesellschaftspolitische Aufgaben. Mir reicht es nicht, wenn man ins Museum geht „um Bilder zu schauen“. Kunst soll Fragen aufwerfen. Zum Beispiel: Was ist Natur und was ist Kultur? Gibt es „Natur“ heute überhaupt noch? Diese Fragen aufzurollen, ist ein Anspruch – also nicht’s weniger als die Vermessung der Welt im Kehlmann’schen Sinn. Und diese Vermessung kann ganz sinnlich und emotional geschehen, wie zum Beispiel beim brasilianischen Künstler Ernesto Neto, den wir ab Sommer erstmals ganz groß in Österreich zeigen. Andere Künstler haben wieder einen vernunftorientierten, analytischen Zugang zu den Erscheinungen der Welt. Beides findet sich in unserem Ausstellungsprogramm heuer wieder.

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Herr Wipplinger, Sie haben Ihre Diplomarbeit damals dem „Erinnern und Vergessen“ gewidmet. Wie geht Krems mit der Geschichte um?

HPW: Krems geht sehr bewahrend mit seiner Geschichte um. Die Stadt lebt von ihr, von dem, was eine reiche Kaufmannschaft einst hier geschaffen hat – Plätze, Straßenzüge, Baukultur … Das bringt nicht zuletzt Touristen, was wichtig ist für den Ort. Umso essentieller ist es, einen zeitgenössischen Kontrast zu setzen – um nicht selbst als großes Museum zu enden, sondern die Gegenwart mitzugestalten.

Zum Thema Geschichte gab es in Krems gemeinsam mit Daniel Spoerri und Bazon Brock ein besonderes Projekt im Sinne von Oral History. Wir haben die Kremserinnen und Kremser aufgefordert, uns ihr liebstes Objekt aus ihrer ganz persönlichen Geschichte mitzubringen. Ich erinnere mich noch an eine Frau, die mit ihrem Hochzeitskleid kam. Es war aus der Not heraus aus einem Fallschirm genäht, mit dem ein Soldat der Alliierten hier landete. Es sind Geschichten wie diese, die die Identität eines Ortes und ihrer Einwohner prägen. So kann Kunst Erinnerung zum Leben erwecken, auch mithilfe von „ästhetischen Schocks“. Was sind die Zahlen von Millionen Toten zum Beispiel gegen die Schilderung persönlicher Geschichten, gegen die Erfahrung, wie jemand gelitten hat oder zu Tode gekommen ist. Hier kann Gedächtniskunst nachdrücklicher emotionalisieren, Mitgefühl auslösen und Geschichte verständlicher machen.

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Diesen Sonntag beendet die Kunsthalle die große Dominik Steiger-Ausstellung mit einer Finissage. Was ist das Besondere an diesem Künstler?

HPW: Dominik Steiger zu zeigen, war mir aus vielen Gründen ein Anliegen. Seine Entwicklung ist eng mit der österreichischen Kunstgeschichte verbunden, viele hatten bis jetzt aber kein konkretes Bild von ihm und seiner künstlerischen Arbeit. Mit dieser Ausstellung wurde ein wichtiges Segment österreichischer Kunstgeschichtschreibung geschlossen. Steiger ist so etwas wie das Bindeglied zwischen den Literaten der Wiener Gruppen und den Aktionisten. Und der Wiener Aktionismus ist – neben dem Jugendstil am Beginn des 20. Jahrhunderts – die einzige Kunstbewegung aus Österreich, die weltweit ein Begriff wurde.

Die Kunsthalle Krems hat zurecht den Ruf, dass sie Künstler (wieder)entdeckt, damit sie nicht der Vergessenheit anheimfallen. Diesbezüglich sind wir sehr erfolgreich, wie Retrospektiven von Kiki Kogelnik oder jüngst Martha Jungwirth zeigen. Seit ihrer Schau hat die mittlerweile 75-jährige Malerin wieder ein enormes Echo erfahren.

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Wo trifft man Hans-Peter Wipplinger privat in Krems?

HPW: Zum Beispiel beim Donaufestival. Im Sommer trink ich meinen Kaffee gerne mit Blick auf die Donau. Das Restaurant Nigl im Kremstal kann ich überdies sehr empfehlen. Dahin nehme ich auch oft Künstler mit, die vor Ort arbeiten. Im Innenhof beschleicht einen dort ein sanftes, fast toskanisches Gefühl. Es gibt viele dieser schönen Orte hier, zu denen mir leider oft die Zeit fehlt.

Hans-Peter Wipplinger erhebt sich aus dem Wittmann-Sessel in seinem Büro. Wir drehen noch eine Runde durch die Ausstellung und machen Fotos. Nein, ich lass mir Pipilotti Rist nicht entgehen. Die nächste Ausstellung in der Kunsthalle Krems. Danke für den Tipp, Herr Wipplinger.

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