Zwei, die was bewegen.

In Krems passiert viel in Sachen Kultur. Jo Aichinger ist ein Grund dafür.
Krems könnte noch mehr. Willi Lehner vernetzt Kultur im Waldviertel.

Heute probiere ich einmal etwas Neues. Ich packe zwei Geschichten in eine. Ein gebloggter Doppel-Whopper. Ich hab nämlich vor einiger Zeit zwei sehr interessante Gespräche mit zwei sehr interessanten Menschen geführt. Die Verbindung: An keinem der beiden kommt man vorbei, wenn man sich mit Kultur im Raum Krems beschäftigt.

Also wie gemma’s an? Ich erzähl euch einfach was über den einen. Und dann über den anderen. Und weil A vor L kommt, fang ich mit Jo Aichinger an. Das ist der Mann, der Glatt & Verkehrt entwickelt hat und leitet. Der, der das Osterfestival  IMAGO DEI macht. Der, der den Klangraum Krems bespielt. Der, der die Artists in Residence im Bereich Musik aussucht. Muss ich noch mehr sagen?

Jo Aichinger wohnt gerne in Krems. Und das sagt er auch. „Ich mag die Kleinheit. Man geht aus dem Haus und ist draußen in der Natur. Gleich in der Wachau. Bei den Heurigen. Vieles lernt man aber nur kennen, wenn man auch hier wohnt.“ Etliche, die in der Branche arbeiten, pendeln nach Krems. Und kriegen das nicht mit. Das erste seiner Großprojekte, Glatt & Verkehrt, ist genau mit diesem Bezug entstanden. „Die Heurigenkultur ist hier ja sehr wichtig. Die Volksmusik ein wesentliches Element, das die Gegend ausmacht. Deshalb ist Glatt& Verkehrt bei den Winzer Krems angesiedelt, dieser Ort verbindet das“.

Das Osterfestival IMAGO DEI ist auch in einem ganz besonderen Raum angesiedelt. Vielleicht ist das etwas, das Jo Aichingers Arbeit begleitet. Besondere Räume. IMAGO DEI findet in der Minoritenkirche in Stein statt (gerade jetzt übrigens – noch bis 6. April!). Und die Minoritenkirche in Stein ist keine normale Kirche. Abgesehen davon, dass sie schon seit 1796 säkularisiert ist. Die Kirche hat nämlich 150 ganz besondere Zentimeter. Um diese ist das Hauptschiff vom Altar versetzt. Deshalb bricht der Klang. Und es gibt kein „Flattern“, wie in vielen anderen Kirchen. Ein geradliniges Echo. Plus der flexible Raum, der auch zulässt, dass sich die Grenzen zwischen Performer und Publikum aufheben. „Man kann den Raum richtig als Instrument nutzen“. Deshalb lädt Jo Aichinger auch immer wieder Künstler_innen ein, etwas speziell für die Kirche zu entwickeln. Heuer den Schweizer Klangkünstler Zimoun.

Ich frage Jo Aichinger, wo er denn die Musiker ausgräbt, die dann nach Krems kommen. Wie er seine Programme zusammenstellt. Und da lerne ich wieder was: Aha, es gibt eigene Band-Messen. Zum Beispiel die Weltmusik-Expo. Da findet man viel. „Obwohl Messen den Nachteil haben, dass das schon wieder eine Art Mainstream ist“. Und Mainstream, den macht Jo Aichinger nicht.

    Erleuchtung. Passt irgendwie zu IMAGO DEI. Und seinem Gründer Jo Aichinger.
Erleuchtung. Passt irgendwie zu IMAGO DEI. Und seinem Gründer Jo Aichinger.

 

Zufällig wer dabei, der einen Kulturverein gründen will?
Dann kommt ihr an Willi Lehner nicht vorbei. Kapitel Zwei.

Willi Lehner ist bei der Kulturvernetzung NÖ – und zuständig für das Waldviertel, also auch für Krems. Ja, geht sich haarscharf aus.

Willi Lehner ist also euer Mann, wenn ihr selbst etwas mit Kultur machen wollt. Künstler_in seid. Einen Verein gründen wollt. Ein Kulturprojekt auf die Beine stellt. Also, alle diese Dinge, die so wichtig sind für eine Gegend, wie ich finde. Wichtig, auch für Krems. Und da könnte sich noch mehr tun, sagt Willi Lehner.

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Wenn Willi Lehner nach Krems kommt, hat er Tipps im Gepäck.

Aber es gibt sie, die Adressen abseits der Big Player wie Kunsthalle, Karikaturmuseum & Co. Da wäre zum Beispiel die Galerie Daliko in der Bahnhofstraße. Ein Tipp von Willi Lehner. Den habe ich nämlich auch gefragt, wo er denn in Krems hingehen würde. Und da war die Galerie Daliko dabei – die wird von Dalia Blauensteiner  und Heinz Körner betrieben. Sie Malerin. Er Bildhauer. Zusammen holen sie immer wieder internationale Künster_innen nach Krems. Schwerpunkt Osteuropa. Ich war auf Blitzvisite dort für den nächsten LUST AUF KREMS-Guide. Und habe dort gleich etwas entdeckt, was mir gefällt. Nur so nebenbei.

Galerie Daliko | www-lustaufkrems.com

Willi Lehner hat auch That’s Jazz gesagt. Das ist ein Verein, der zeitgenössischen anspruchsvollen Jazz nach Krems bringt – und immer wieder Konzerte im Salzstadl gibt. Gut, kommt auch auf meine Liste der Da-muss-ich-unbedingt-mal-hinschauen-Adressen.

Und unter Willi Lehners Top 3 schafft’s auch das Haus der Regionen. Weil die dort in Sachen Volkskultur immer wieder spannende Veranstaltungen auf die Beine stellen.

Ich bedanke mich für die Tipps. Die tollen Gespräche. Meine Herren, es hat mich sehr gefreut.
Schön, dass ihr etwas bewegt. Für Krems. Im Waldviertel.

Marille. Senf. Krems. Ein Stadt-Streich.

Hier kommt LUST AUF KREMS, der Aufstrich.

Das Schöne, wenn man einen Blog über Krems macht: Es ergeben sich ganz spontan ganz nette Geschichten. So auch mit dem Brötchenlokal Mein Streich | Dein Genuss, das ja schon einmal getestet wurde. Bericht hier.

Und die Geschichte geht so: Irgendwie kommen Besitzer Andreas Stemberger und ich ins Tippen, sprich Reden. Und da war sie dann, die Idee. Mach doch mal. Einen Aufstrich, der so schmeckt wie Krems. Der Lust macht. Auf die Stadt, die Gegend. Ein paar Tage später die freudige Nachricht: fertig! Das erste exklusive LUST AUF KREMS-Rezept.

Ich spann euch nicht länger auf die Folter. Ihr steht sicher schon am Mixer.

Rezept Lust auf Krems Aufstrich

 

Ganz so einfach hab ich es mir dann natürlich auch nicht gemacht. Sondern das Rezept auf Herz, Nieren und Geschmack geprüft. Sprich, ich habe einen sehr feinen Vormittag im Brötchenlokal verbracht und mir die Details vom Chef erklären lassen.

Also Leute, beim Aufstrich kommt es auf Konsistenz an. Und da kommt er hier auch schon, der geheimste Geheimtipp. Falls Aufstrich zu flüssig, Standfestigkeit mittels Brösel erhöhen. So geht das also.

Auf was kommt’s sonst noch an? Dass ihr die Marillen vorab hackt. Weil, wenn dann alles zusammen gemixt wird, sollte das nur kurz dauern. Man will Einzelheiten ja noch erkennen.

Und das Schöne an dem Rezept ist auch, dass man die Zutaten fast immer zuhause hat. Im Kühlschrank echter Kremser_innen findet man sicher irgendwo eine Tube Kremser Senf. Und die getrockneten Marillen fristen vielleicht irgendwo beim Müslizeug in der Lade ganz hinten ihr Dasein.

Und das Wichtigste hätte ich jetzt fast vergessen: Ja, dieser Aufstrich schmeckt auch gut! „Interessant“ ist in Bezug auf Geschmack ja immer ein zweideutiger Begriff. Aber ich finde, es schmeckt interessant. Im Sinne von außergewöhnlich. Gut.

Alles außer gewöhnlich. Krems. Mahlzeit.

Und falls ihr keine Lust auf Mixen oder keinen Pürierstab habt: Bei Andreas gibt’s die fertigen LUST AUF KREMS-Brötchen. Kirchengasse 1. MO bis FR von 9 bis 18 Uhr, SA von 9 bis 13 Uhr.

 

Auch das ist Krems.

Lernen wir Geschichte. Mit dem Kremser Historiker Dr. Robert Streibel.

Der Platz vor der Kunsthalle heißt Franz-Zeller Platz. Wisst ihr eigentlich warum? Franz Zeller war ein Kremser Widerstandskämpfer und wurde 1942 von den Nazis ermordet.

Heute geht’s mal nicht um Kunst. Oder ein neues Lokal. Heute geht’s um Kremser Geschichte. Oder Geschichten, wie Robert Streibel sagen würde. Weil’s wichtig ist, sich auch einmal mit den nicht so lustigen Seiten von Krems auseinanderzusetzen. Um etwas zu lernen. Um sich nicht auszuruhen. Um etwas mitzunehmen. Auch deshalb bin ich nach Wien gefahren. Zu Robert Streibel. Der gebürtige Kremser ist eine der wichtigsten Persönlichkeiten, wenn es um die Erinnerungskultur in Krems geht. Jetzt hat er ein neues Buch geschrieben, den Roman „April in Stein“.

„Jede Generation muss ihren Zugang zur Geschichte finden. Das heißt nicht, dass man den Leuten dauernd am Wecker geht. Aber es ist wichtig, sie immer wieder zu erinnern“, sagt Robert Streibel. In seinem neuen Buch geht es um das Massaker in der Strafanstalt Stein. Am 6. April 1945 wurden dort knapp 400 Häftlinge ermordet, um ihre Entlassung zu verhindern.

Eine Kremser Geschichte ist auch, dass einer dieser Insassen damals das Massaker überlebte. Schwer verletzt unter einem Berg von Leichen. Der Grieche Gerasimos Garnelis. „Er blieb nach dem Krieg in Krems, wurde sogar Präsident des FC Stein. Und damals war ein Grieche in der Stadt noch ziemlich exotisch“, erzählt Robert Streibel. Jetzt wird nach dem griechischen Widerstandskämpfer in Stein eine Gasse benannt.

Es sind Menschen und Geschichten wie diese, die Robert Streibel seit seiner Teenagerzeit interessieren. „1983 begann ich, Interviews mit Kremserinnen und Kremsern zu führen. Zuerst mit den Widerstandskämpfern, mit Kommunisten. Die waren am ehesten bereit, über die Vergangenheit zu sprechen. Das Faszinierende daran war immer, dass man kleine Romane gehört hat. Die Leute erzählen ja Geschichten, nicht die Geschichte.“

Dass Robert Streibel im Zuge seiner Recherchen nicht immer auf offene Arme traf, wundert irgendwie nicht. Aber es ist besser geworden, sagt er. „Die Stadt Krems übernimmt jetzt Verantwortung – und teilweise die Erinnerungsarbeit.“

Ich habe Robert Streibel nach jüdischen Spuren in Krems gefragt. So spontan sind mir nämlich keine eingefallen. Aber es gibt sie. Die „Judengasse“ beim Dreifaltigkeitsplatz. Die Tafel für die zerstörte Synagoge in der Dinstlstraße. Den jüdischen Friedhof in der Wiener Straße, der es übrigens auch ruhig einmal wert ist zu besuchen. Ein kleines Abenteuer fast. Den Schlüssel holt man sich nämlich gegenüber im Autohaus. Das verrostete Vorhängeschloss. Die verwilderten Gräber. Ein Ort, der irgendwie unwirklich ist – so zwischen Schnellstraße, Autohaus und Einkaufszentrum. Der in seiner ganzen Morbidität aber auch etwas Schönes hat. Ein Ort, der zu Krems gehört.

Noch viel mehr über Kremser Geschichte findet ihr auf der Seite von Robert Streibel.