Imagine all the people lying here in peace

Setzen. Hören. Legen.
Ein ganz besonderes Klangerlebnis in Stein.

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Ich bin weder gläubig noch spirituell veranlagt. Aber wenn man am Karfreitag auf einer Matratze in einer Kirche liegt, dann verlassen die Gedanken die alltäglichen Runden.

Kurze Erklärung. Im Rahmen des Osterfestivals IMAGO DEI war ich beim Konzert von Marino Formenti in der Steiner Minoritenkirche.

Das ist meine Notiz, wenn ihr so wollt. Über ein paar ganz besondere Stunden.

Besonders. Weil der Abend Freiheit bedeutete. Die Freiheit, sich als Zuhörer_in im Raum zu bewegen. Sich hinzulegen. Hinzusetzen. Hinzustellen. Dem Pianisten ganz nahe kommen. Unters Klavier legen. Oder doch im letzten Winkel stehen. Alles erlaubt. Keine klassische Pianist-Publikum Situation. Kein unbequemer Sessel, mit dem man sich abfinden muss. Und dadurch: die Chance, sich der Musik auf seine persönliche Weise nähern zu können. Ganz buchstäblich.

Besonders. Weil der Abend Gemeinschaft bedeutete. Wenn man gemeinsam mit sehr vielen anderen (ich bin schlecht im Schätzen) in dieser Kirche liegt/sitzt/steht/geht, dann entsteht etwas. Eine Gemeinschaft, weil man gemeinsam erlebt. Etwas, das verbindet. Auch, wenn es nur für ein paar Stunden ist. Eine Gemeinschaft, die (deshalb?) eine besonders friedliche war. Und damit meine ich das freundliche Aufeinander-Zugehen und das höfliche Einander-Sein-Lassen. Den Respekt.

Besonders. Weil der Abend Zeit bedeutete. Es war ein langes Konzert. Aber irgendwie wurde aus dieser langen Zeit nie Langeweile. Sie war vielmehr ein Geschenk. Einmal bewusst Zeit verbringen. Nur hören. Nur schauen.
Ganz für sich – inmitten von anderen. Diese Ambivalenz, die man sonst vielleicht manchmal im Kaffeehaus erlebt.

Besonders. Weil der Abend Sehen bedeutete. Auch wenn es eigentlich ums Hören ging. Spannend, zu sehen, wie sich Menschen in einer Situation wie dieser verhalten. Wer als Erste/r aufsteht, wenn der Pianist das nächste Stück an die Tafel schreibt. Wer ständig Ort und Lage wechselt. Und wer lieber den ganzen Abend an einem Platz verbringt. Die Erkenntnis, dass Menschen eben ganz unterschiedlich sind. Aber dass sie eines an diesem Abend eint: die Würde. Ich weiß auch nicht genau warum, aber an die habe ich gedacht. Dass alle, die da saßen/lagen/standen Würde ausstrahlten. Und vielleicht hat das ja ein Stück weit mit der bereits erwähnten Freiheit zu tun, selbst entscheiden zu können.

Besonders. Weil der Abend Freude bedeutete. Eine ganz unerwartete. Denn ich bin durchaus skeptisch hingegangen. Weil klassische Musik normalerweise nicht meins. Aber dafür bin ich mit Erkenntnis heimgekommen, dass es gut ist, sich ab und an auf etwas Neues einzulassen. Neue Erfahrungen zu machen. Einfach weil es Freude gibt, die man sonst nicht erlebt hätte.

Im Programmheft stand „Ein Plädoyer gegen die Fokussiertheit … gegen die lineare Zeit , gegen die Absicht … gegen die gekaufte Erleuchtung“.

Das ist mein Plädoyer für die Erfahrung.

Danke an Marino Formenti für dieses schöne Erlebnis.
Danke an Jo Aichinger, der Marino Formenti nach Krems gebracht hat.

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Wie es eine New Yorker Klang-Künstlerin nach Krems verschlägt

Maria Chavez is „artist in residence“, staying for one month at the Eyblfabrik in Krems. Come with us – have a look into the studios. Get to know the sound artist and DJ Maria Chavez. She is working on a sound performance in the Minoritenkirche in March. That’s why she is collecting stones of the river Danube. How does Krems sound, Maria? „Smooth. Clean. Beautiful“.

Ganz oben sind sie, die fünf Ateliers in der Eyblfabrik. Und genau dort ziehen alle paar Monate Künstlerinnen und Künstler von überall aus dieser Welt ein. Für ein bis drei Monate. Das ist das „Artist-in-Residence“-Programm, kurz AIR. Eine Form von Stipendium für Kunstschaffende aller Sparten. Eine davon ist Maria Chavez, Sound-Künstlerin aus New York.

Also kommt mit, drehen wir eine Runde durchs Atelier. Und lasst euch erzählen, was Maria mit den Kieselsteinen vorhat, die sie an der Donaulände sammelt.

Maria Chavez bezeichnet sich selbst als „Sound Artist“. Soundkünstlerin. Klangkünstlerin. Was sie die ersten zwei Jahre ihres Lebens hörte? Fast nichts. Sie hatte Wasser in den Ohren, nahm ihre Umwelt nur als dumpfe Geräuschkulisse wahr. Erst in den USA kamen die Ärzte hinter das Problem. Davor war die Diagnose „retarded“. Verzögerte Entwicklung. Was für eine Fehleinschätzung. Und wie anders wäre das Leben von Maria Chavez verlaufen, wenn ihre Eltern mit ihr in Peru geblieben und nicht ausgewandert wären. Oder ist es genau umgekehrt. Und diese besondere Wahrnehmung, diese besondere Art, die Welt zu hören, war der Grundstein für diese Laufbahn. Für eine Karriere als Klangkünstlerin (und DJane und und und).

Denn sie ist ziemlich erfolgreich, diese Maria Chavez. Und ständig unterwegs zwischen New York, Berlin, London, Mexico City … da klingt Krems fast exotisch. Hier arbeitet sie bis Ende März als Artist in Residence. An einer Installation in der Minoritenkirche. Deshalb sammelt sie auch an der Donau Kieselsteine. Diese wird sie dann bei einer Perfomance live zu „Sound Sculputures“ formen. Ob es vorher einen Plan gibt? „No, I’m an improviser. A professional improviser“. Dieses Erlebnis wird’s nur einmal geben. Und der Zufall wird eine große Rolle dabei spielen: „I believe in chance“.

Wie wird Krems klingen? Maria Chavez schwärmt von dem tollen Raum. Die Minoritenkirche, etwas ganz besonderes. Und der Kiesel, den sie gefunden hat: „smooth, clean, beautiful“. Ich bin gespannt. Der Termin steht bei unserem Gespräch noch nicht fest. Aber ich werd schauen, dass ich das hören kann.

UPDATE – Die Performance ist am Freitag, 20. Februar, 15 Uhr in der Minoritenkirche http://www.klangraum.at/

Wie sie Krems findet? Sie ist noch zu kurz da, um viel zu sagen. Aber zwei Dinge sind ihr aufgefallen. Dass die Autos hier vor den Zebrastreifen tatsächlich stehenbleiben, wenn jemand rübergehen will. Macht in NY niemand. Und: Die Bärte der Männer. Die würden selbst die Hipster im Norden Brooklyns, wo sie wohnt, vor Neid erblassen lassen. Na dann. Schätzen wir uns glücklich.